Entwicklungsaufgaben Havighurst Beispiel Essay

INHALTSVERZEICHNIS

Vorbemerkung

Kapitel 1: Einleitung
1.1 Definitionen von Jugendalter
1.2 Jugend als kulturelles Phänomen
1.3 Psychologische und soziologische Sichtweise von Jugend
1.4 Historischer Wandel
1.5 Was sind Entwicklungsaufgaben

Kapitel 2: Drei Konzepte von Jugend
2.1 R. J. Havighurst
2.1.1 Kennzeichen der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
2.1.2 Entwicklungsaufgaben für das Jugendalter
2.1.2.1 Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und der Geschlechtsrolle
2.1.2.2 Erwerb neuer Beziehungsformen mit Gleichaltrigen beiderlei Geschlechts
2.1.2.3 Entwicklung emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern und anderen Erwachsenen
2.1.2.4 Erwerb der Gewissheit ökonomischer Unabhängigkeit
2.1.2.5 Vorbereitung auf einen Beruf
2.1.2.6 Anstreben von intellektuellen Fähigkeiten und Konzepten, um ein kompetenter Staatsbürger zu werden
2.1.2.7 Aufbau eines sozial verantwortlichen Verhaltens
2.1.2.8 Vorbereitung auf Heirat und Familienleben
2.1.2.9 Aufbau eines bewussten, ethischen wie rationalen Wertesystems
2.2 K. Hurrelmann
2.2.1 Sozialisationstheoretische Jugendforschung
2.2.2 Individuation / Entwicklung einer Individualität
2.2.3 Integration / Vergesellschaftung
2.2.4 Stimulierungs- und Belastungspotential
2.2.5 Sozialstrukturelle Veränderungen in der Lebensphase Jugend
2.2.6 Entwicklungsaufgaben für das Jugendalter
2.3 H. Fend
2.3.1 Fends handlungstheoretisch-ko-konstruktivistisches Paradigma
2.3.2 Entwicklungsaufgaben für das Jugendalter
2.3.2.1 Den Körper bewohnen lernen
2.3.2.2 Umgang mit der Sexualität
2.3.2.3 Umbau der sozialen Beziehungen
2.3.2.4 Umgang mit der Schule
2.3.2.5 Berufswahl
2.3.2.6 Bildung
2.3.2.7 Identitätsarbeit

Kapitel 3: Schlussbetrachtungen
3.1 Homosexuelle Geschlechtsidentität
3.2 Kombination von Psychologie und Soziologie
3.3 Gegenüberstellung der drei Konzepte

Literaturverzeichnis

Vorbemerkung

Kindheit und Jugend und der sich in diesen Phasen vollziehenden Entwicklungsschritte, sind zu wichtigen Forschungsgebieten in den Sozialwissenschaften geworden. Nicht zuletzt zeigen die unterschiedlichen Reaktionen auf die internationale und nationale Vergleichsstudie PISA und PISA-E, dass dieser Bereich mit großem Interesse auch von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. In einer breit angelegten öffentlichen Diskussion wurde um die Gründe des vergleichbar schlechten Abschneidens der deutschen Schüler lange und ausführlich gerungen.

Neben all den kontroversen Ansichten über das Phänomen Jugend findet jedoch eine Äußerung große Einstimmigkeit: Kindheit und Jugendphase stellen besonders komplexe Aufgaben an die jeweiligen jungen Menschen und – dies sollte man nicht vergessen – auch an ihr Umfeld.

Auf diesem Hintergrund möchte die vorliegende Arbeit sich an Hand dreier Konzepte eingehend mit dem Jugendalter beschäftigen.

Dabei legen die Autoren ihr Hauptaugenmerk auf die These, dass zu jedem Lebens- und Entwicklungsabschnitt besondere Aufgaben gehören, die (junge) Menschen zu bewältigen haben.

Der „Urheber“ der Theorie von den Entwicklungsaufgaben, Robert James Havighurst (1900-1991), hat die Grundlage für praktisch alle späteren Entwürfe und Weiterentwicklungen bereitet. Er wird daher als erster vorgestellt.

Der Soziologe Klaus Hurrelmann (*1944) erweitert das Konzept von Havighurst durch die verstärkte Akzentuierung der gesellschaftlichen Ebene.

Helmut Fend (*1940) – hier als dritter Autor beschrieben – knüpft an beide Konzepte an und versucht, durch die Kombination von soziologischer und psychologischer Forschung ein interdisziplinäres Konzept der Entwicklungsaufgaben zu entwickeln.

Ziel dieser Arbeit ist die nähere Beschreibung sowie eine kritische Gegenüberstellung der drei Entwürfe.

Zuvor sei darauf hingewiesen, dass alle drei Autoren einen umfassenden „life-span-development“-Ansatz vertreten und somit der hier beschriebene Lebensabschnitt nur einen Teil ihrer Konzeptionen darstellt.

Die Begriffe Jugendalter, Jugendphase und Adoleszenz werden in dieser Arbeit synonym verwendet; auch wenn (vor allem im amerikanischen Sprachraum) Adoleszenz meist als Nachpubertät im Sinne von psychischer Reifung im Gegensatz zur biologischen Pubertät (also dem sexuellen Reifungsprozess) verstanden wird. (vgl. Fend, 2001, S. 22 f)

Außerdem sei schon an dieser Stelle vorbemerkt, dass die Entwicklungsaufgaben im Jugendalter – wie Havighurst, Hurrelmann und Fend sie beschreiben – typische Aufgaben von Jugendlichen in westlichen (Industrie-) Gesellschaften darstellen und nicht ohne weiteres auf andere Gesellschaften übertragbar sind (siehe Kap. 1.2; 3.1).

Es scheint sinnvoll zu sein, zunächst einige kurze Bemerkungen über das Jugendalter, die Entwicklungsaufgaben und die Jugendforschung einführend zu tätigen, bevor mit der eigentlichen Darstellung begonnen wird.

Kapitel 1: Einleitung

1.1 Definitionen von Jugendalter

Eine einheitliche Begriffsbestimmung von Jugend ist weder in der Alltagssprache noch in den verschiedenen Fachsprachen der einzelnen (Sozial- und Natur-)Wissenschaften zu finden.[1]

Der Beginn und das Ende des Jugendalters lassen sich ebenso wenig präzise bestimmen, da Jugend „aus einer Vielfalt sukzessive aufeinanderfolgender und einander überschneidender Teilübergängen besteht“ (Mitterauer, 1986, S. 93).

1.2 Jugend als kulturelles Phänomen

In historischen Gesellschaften sowie in heutigen Stammeskulturen ist ein Begriff für die Lebensphase Jugend in unserem Verständnis in den meisten Fällen nicht zu finden. In den noch heute existierenden Stammesgesellschaften kann man selten eine deutliche Trennung von Kindheit und Jugend erkennen. Der Übergang von der Kindheit in das Erwachsenenalter wird meist abrupt durch kulturell differenzierte Initiationsriten vollzogen. Jedoch gibt es Stammeskulturen, in denen die Initiation in das Erwachsenenalter nicht durch eine – zeitlich gesehen – kurze Prüfung erfolgt, sondern ein durchaus langer, teilweise über ein Jahr hinweg gehender Prozess ist (vgl. Schäfers, 1994, Kap. III).

Außerdem ist zu beachten, dass es in diesen Gesellschaften keine eindeutige Zuordnung der einzelnen Entwicklungsaufgaben gibt, auch wenn sie, wenn auch in anderer Form, bewältigt werden müssen. Sie sind demnach ein soziales Phänomen westlicher Gesellschaften und stellen ein Idealbild dar.

1.3 Psychologische und soziologische Sichtweise von Jugend

Die Psychologie richtet ihre Betrachtungsweise von Jugend vor allem auf die intra – psychischen Kräfte der menschlichen Entwicklung; sie sucht nach dem „inneren Entwicklungsprogramm“. Das individuelle Erleben und Gestalten der eigenen Persönlichkeit stellt hier den Schwerpunkt der Entwicklung dar.

Die Soziologie versteht dagegen Jugend als ein „soziales Gruppenphänomen“ (Fend, 2001, S. 22) und definiert Jugend als eine nach „historischer Bedingtheit sortierte Gruppe von Menschen“ (ebd.). Die typischen Strukturen des Um- und Aufbaues von sozialen Beziehungen und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Phänomenen (z.B.: Konflikte, Bewältigungsstrategien etc.) stellen das Hauptgebiet der Jugendsoziologie dar (vgl. Schäfers 1994).

1.4 Historischer Wandel

Ein deutlicher Wandel der Betrachtungsweise von Jugend fand in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts statt. Die Psychologie hatte bis zu dieser Zeit die Vorherrschaft auf dem Gebiet der Jugendforschung.

Die Soziologie versuchte dagegen „Jugend als Werk der Gesellschaft“ herauszustellen.

Die Bedeutung von Umwelt, Milieu und Interaktion zwischen Person und Umwelt sowie der Begriff der Sozialisation nahmen einen neuen Stellenwert ein.

Durch die kulturanthropologischen Forschungen z.B. von M. Mead, die sich besonders mit dem Verhalten von Jugendlichen in unterschiedlichen Kulturen befasste (Mead, 1935; Mead, 1959) wurde deutlich, wie wichtig der soziale Kontext für die Entwicklung des Menschen und insbesondere des Kindes und Jugendlichen ist.

1.5 Was sind Entwicklungsaufgaben

Damit ein Jugendlicher als Erwachsen gilt muss er nicht nur älter werden, sondern auch bestimmte geistige und soziale Aufgaben erledigt haben. Grundlegend für viele weitere Konzepte von Entwicklungsaufgaben im Jugendalter ist die Definition von Havighurst (siehe Kap. 2.1), die er wie folgt beschreibt:

Eine Entwicklungsaufgabe ist eine Aufgabe, die in oder zumindest ungefähr zu einem bestimmten Lebensabschnitt des Individuums entsteht, deren erfolgreiche Bewältigung zu dessen Glück und Erfolg bei späteren Aufgaben führt, während ein Misslingen zu Unglücklichsein, zu Missbilligung durch die Gesellschaft und zu Schwierigkeiten mit späteren Aufgaben führt … Die Entwicklungsaufgaben einer bestimmten Gruppe haben ihren Urspruch in drei Quellen: (1) körperliche Entwicklung, (2) kultureller Druck (die Erwartungen der Gesellschaft), und (3) individuelle Wünsche und Werte. (Havighurst (1950); zit. nach Oerter, 1985, S. 30)

Mit diesem grundlegenden Konzept möchte ich auch beginnen und darauf aufbauend mit Hurrelmann und Fend fortfahren.

Kapitel 2: Drei Konzepte von Jugend

2.1 R. J. Havighurst

2.1.1 Kennzeichen der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter

Havighurst versucht mit seinem Konzept der Aufgaben für das Jugendalter einen Mittelweg zwischen zwei Entwicklungsansätzen zu gehen: den naturalistischen und dem gesellschaftlich-behavioristischen Entwicklungsansatz.

Der erste sieht Freiheit und damit wenig Entwicklungsrichtlinien und -vorschriften dann für notwendig an, wenn sich das Kind von Natur aus gut und darum in Freiheit am besten entwickelt. Dagegen würden zu wenig Entwicklungsrichtlinien dem gesellschaftlich-behavioristischen Gesellschaftsbild wiedersprechen, da hier die Formbarkeit des Jugendlichen von seiner Umwelt im Vordergrund steht.

Für diesen Mittelweg sieht er folgende Kennzeichen der Entwicklungsaufgaben:

- Sie stehen immer in Bezug zu früheren und zukünftigen Aufgaben (systemische Einbettung)
- Der wechselseitige Einfluss von Entwicklungsaufgaben[2]
- Die Entwicklungsaufgaben sind vom soziokulturellen Umfeld abhängig[3]
- Sie hängen oft mit traditionsgebundenen Ritualen zusammen
- Einige Anforderungen sind biologisch gebunden

Dementsprechend können die Entwicklungsaufgaben einerseits untereinander (horizontal), andererseits geschichtlich (vertikal) im Sinne der Tradition miteinander verbunden sein.

2.1.2 Entwicklungsaufgaben für das Jugendalter

2.1.2.1 Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und der Geschlechtsrolle

„Ziel ist es erstens, auf den eigenen Körper stolz zu werden … ; zweitens die sozial gutgeheißene männliche oder weibliche Rolle zu akzeptieren (was nicht heißt, sie bedingungslos zu bejahen) .“

2.1.2.2 Erwerb neuer Beziehungsformen mit Gleichaltrigen beiderlei Geschlechts

Ziel ist es, Mädchen als Frauen und Jungen als Männer neu zu betrachten; ein Erwachsener unter Erwachsenen zu werden; mit anderen zugunsten eines gemeinsamen Nutzens zusammen zu arbeiten; zu führen ohne zu dominieren.“

2.1.2.3 Entwicklung emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern und anderen Erwachsenen

„Ziel ist es, frei von kindlicher Abhängigkeit zu werden; Zuneigung zu den Eltern ohne Verstrickung in Abhängigkeiten zu entwickeln; aus innerer Freiheit heraus Respekt für ältere Erwachsene zu spüren.“

2.1.2.4 Erwerb der Gewissheit ökonomischer Unabhängigkeit

„Ziel ist es, sich fähig zu fühlen, für sein eigenes Auskommen zu sorgen.“

2.1.2.5 Vorbereitung auf einen Beruf

„Ziel ist es, einen Beruf zu wählen, der einem liegt; zweitens sich auf diesen vorzubereiten.“

2.1.2.6 Anstreben von intellektuellen Fähigkeiten und Konzepten, um ein kompetenter Staatsbürger zu werden

„Ziel ist es, Vorstellungen über das Funktionieren der Welt, des Menschen, der Gemeinschaft, der Kultur und des Staates zu entwickeln; Argumentationswissen und sprachliche Fähigkeiten zu erwerben, um mit den Anforderungen einer Demokratie umgehen zu können. …“

2.1.2.7 Aufbau eines sozial verantwortlichen Verhaltens

„Ziel ist es, verantwortlich an den eigenen und ferneren Lebensgemeinschaften teilnehmen zu können; den Werten einer Gesellschaft in seinem persönlichen Verhalten Rechnung zu tragen.“

2.1.2.8 Vorbereitung auf Heirat und Familienleben

„Ziel ist es, eine positive Einstellung zum Familienleben und eigenen Kindern zu entwickeln; zweitens konkrete Fähigkeiten und Wissen zu erwerben, um Kinder förderlich aufwachsen zu lassen und einen Haushalt zu führen.“

[...]



[1] Aus diesem Grund möchte ich auch von einer Definition absehen, da diese immer nur in Einschränkung zu der jeweiligen Theorie Gültigkeit besitzt. Jedoch sei es jedem, der sich mit Kindheit und Jugend beschäftigt nahegelegt, sein eigenes Leben phänomenologisch-hermeneutisch auf diese Lebensphasen hin zu analysieren.

[2] Die soziale Integration wird z.B. durch die erfolgreiche Berufsfindung verändert.

[3] Havighurst weist deutlich darauf hin, dass seine Definition für Entwicklungsaufgaben in erster Linie an den Normen für die amerikanische Mittelschicht orientiert ist und sie damit (sub-)kulturspezifisch sind.

Die Entwicklungsaufgabe ist eine Aufgabe im Rahmen der persönlichen Entwicklung und Reifung des Menschen, die mit ihrer Bewältigung zu einer Veränderung führt. Der Begriff bezieht sich auf die Vorstellung, dass in Entsprechung zu den inneren und äußeren Prozessen, die während des Älterwerdens ablaufen, in jedem Alter bestimmte Aufgaben gelöst werden müssen. Wenn das gelingt, wird die Persönlichkeit stabilisiert. Das Ergebnis kann von Person zu Person, aber auch beim Einzelnen von Entwicklungsstufe zu Entwicklungsstufe sehr unterschiedlich ausfallen. Entwicklungsaufgaben stellen sich das ganze Leben hindurch.

Wandel der Entwicklungsaufgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Formulierung der Entwicklungsaufgaben ist einem Wandel unterzogen und abhängig von der Eingebundenheit in eine Kultur und ein Zeitalter. Es bestehen andere Aufgaben, wenn große Not herrscht und z. B. Kinderarbeit verbreitet ist, als in einer Wohlstandsgesellschaft, wo es für junge Menschen möglich ist, oft lange Zeit in Ausbildungen zu stehen oder zu Hause weiter von den Eltern getragen zu werden. In früheren Zeiten wurden die Übergänge von einem Entwicklungsstand zum nächsten stärker als heute durch Rituale begleitet. Der nächste Entwicklungsstand galt als erreicht, wenn das zugehörige Ritual durchlaufen war, unabhängig davon, ob die persönliche Reife ebenfalls entsprechend entwickelt war.

Entwicklungsaufgaben nach Havighurst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Konzept der Entwicklungsaufgaben wurde erstmals von Robert J. Havighurst (1948) definiert. Er geht davon aus, dass der Mensch im Verlauf seines Lebens immer wieder unterschiedlichsten Problemen gegenübersteht, die es zu bewältigen gilt. Dabei stellen sich in den jeweiligen Lebensabschnitten spezielle altersentsprechende Aufgaben, deren Bewältigung durch verschiedene, aufeinander einwirkende Faktoren beeinflusst wird (sie wirken additiv oder interagieren). Zum einen sind dies innere Faktoren, die in der Natur der Spezies Mensch, seinen individuellen Anlagen und seiner Person liegen, und zum anderen äußere Faktoren, die in der physischen, sozialen oder sozial gestalteten Umwelt liegen (fachlich: innerbiologische, sozio-kulturelle und psychologische Einflüsse).

  1. biologische Veränderungen innerhalb des Organismus wie z. B. Pubertät oder Menopause
  2. Aufgaben, die durch die Gesellschaft gestellt werden (z. B. in Ausbildung oder Beruf)
  3. allgemeine Werte, das Streben nach Höherem und Ziele, die das sich entwickelnde Individuum sich selbst setzt.[1]

So definiert Havighurst neun verschiedene Lebensabschnitte, denen er unterschiedliche, altersentsprechende Entwicklungsaufgaben zuweist. Er geht davon aus, dass es innerhalb der Lebensspanne Zeiträume gibt, die für das Erledigen bestimmter Aufgaben am geeignetsten sind (sensitive Perioden). Sie müssen erfolgreich bewältigt werden, um die Zufriedenheit des Menschen zu gewährleisten. Das bedeutet nicht, dass bestimmte Prozesse nicht in einem späteren Zeitraum nachgeholt werden können. Lern- und Entwicklungsprozesse erfordern jedoch nach Abschluss der sensitiven Periode einen wesentlich höheren Aufwand. Ein gescheiterter Bewältigungsversuch kann nicht nur Unzufriedenheit auslösen, sondern bei der Bewältigung späterer Aufgaben zu Schwierigkeiten führen.[2]

Lebensalter und Entwicklungsaufgaben am Beispiel von Havighurst:

frühe Kindheit (0–2), Kindheit (2–4), Schulübergang und frühes (5–7) sowie mittleres (6–12) Schulalter, Adoleszenz (13–17), Jugend (18–22), sowie frühes (23–30), mittleres (31–50) und spätes (ab 51) Erwachsenenalter.

Um einige Beispiele zu nennen:

Zu den Phasen der Adoleszenz und der Jugend rechnet Havighurst die Aufgaben:
  • Autonomie/Ablösung von den Eltern erlangen
  • die eigene Identität in der Geschlechtsrolle finden
  • ein eigenes System von Moral- und Wertvorstellungen aufbauen
  • eine eigene Zukunftsperspektive entwickeln und/oder eine Berufswahl treffen
Dem frühen Erwachsenenalter ordnet er zu: Die Heirat, Geburt von Kindern, das Arbeits- und Berufsleben bewältigen und einen eigenen Lebensstil finden.
Im mittleren Erwachsenenalter legt er den Schwerpunkt darauf, das Heim und den Haushalt zu führen, die Kinder aufzuziehen und die berufliche Karriere zu verfolgen.
Dem späteren Erwachsenenalter ordnet Havighurst zu, die Energien auf neue Rollen zu lenken, Akzeptieren des eigenen Lebens, und eine Haltung zum Sterben zu entwickeln.

Weitere Theoretiker der Entwicklungsaufgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sozial- und Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann hat den Ansatz von Havighurst weiterentwickelt und in einen sozialisationstheoretischen Rahmen gestellt. Entwicklungsaufgaben beschreiben demnach zum einen die Erwartungen, die von der sozialen und physischen Umwelt an einen Menschen herangetragen werden. Zum anderen benennen sie die Anforderungen, die sich aus der körperlichen und psychischen Dynamik der persönlichen Entwicklung ergeben. Können diese Aufgaben nicht erfüllt werden kommt es aufgrund des Vergleichs mit Gleichaltrigen zu Entwicklungsdruck. Die von ihm so genannte „produktive Verarbeitung“ der inneren Realität von Körper und Psyche und der äußeren Realität von sozialer und physischer Umwelt erfolgt nach seinem Ansatz lebenslang in vier Dimensionen (siehe Hurrelmann und Bauer: Einführung in die Sozialisationstheorie, 2015, S. 108):

  • Binden: Der Aufbau eines Selbstbildes von Körper und Psyche, um die eigene Identität zu erlangen, und die Fähigkeit, erfüllende Kontakte zu anderen Menschen und eine enge Bindung zu besonders geliebten Menschen einzugehen.
  • Qualifizieren: Die Schulung der Wahrnehmung und der intellektuellen und sozialen Kompetenzen, um aktive Tätigkeiten zu übernehmen, die persönlich befriedigen und einen Nutzen für das Gemeinwohl haben.
  • Konsumieren: Die Entwicklung von psychischen und sozialen Strategien zur Entspannung und Regeneration und die Fähigkeit zum produktiven Umgang mit Wirtschafts-, Freizeit und Medienangeboten.
  • In seinem Buch „Lebensphase Jugend“ überträgt er diesen Ansatz auf die Adoleszenz und kommt zu der folgenden Ausdifferenzierung von Entwicklungsaufgaben (Hurrelmann und Quenzel: Lebensphase Jugend, 2016, S. 27).
  1. Kompetenz für die gesellschaftliche Mitgliedsrolle eines Berufstätigen erwerben (Qualifizieren): Hier geht es darum, sich solche kognitiven und sozialen Fähigkeiten sowie berufsrelevanten Fachkenntnisse anzueignen, dass Tätigkeiten von gesellschaftlicher Relevanz übernommen werden können. Wird diese Dimension der Entwicklungsaufgabe erfüllt und gelingt die Übernahme einer Berufstätigkeit, besteht die Möglichkeit zur selbstständigen Finanzierung des Lebensunterhalts und damit zur „ökonomischen Reproduktion“ der eigenen Existenz und damit der gesamten Gesellschaft.
  2. Kompetenz für die gesellschaftliche Mitgliedsrolle eines Familiengründers erwerben (Binden): Hier geht es darum, die emotionale und soziale Ablösung von den Eltern, also der Herkunftsfamilie, vorzunehmen, enge Kontakte zu Freunden und Gleichaltrigen aufzubauen und eine liebevolle, intime Partnerschaft einzugehen. Wird diese Dimension der Entwicklungsaufgabe erfüllt, kann eine feste Paar- und Partnerbindung (mit durchaus unterschiedlicher sexueller Orientierung) erfolgen, die zu einer Familiengründung mit eigenem Kind und damit einer „biologischen Reproduktion“ der eigenen Existenz und der Gesellschaft führt.
  3. Kompetenz für die gesellschaftliche Mitgliedsrolle eines Wirtschaftsbürgers erwerben (Konsumieren): Hier geht es darum, einen selbstständigen und an den eigenen Bedürfnissen und Interessen ausgerichteten Umgang mit allen Angeboten des Wirtschafts-, Freizeit- und Mediensektors und seinen vielfältigen Entspannungs-, Selbsterfahrungs- und Unterhaltungsprogrammen einschließlich seiner finanziellen Kosten einzuüben. Wird diese Dimension der Entwicklungsaufgabe erfüllt, verfügt ein Jugendlicher über die Fähigkeit, Konsum- und Freizeitangebote zum eigenen Vorteil zu nutzen und einen eigenen Haushalt zu führen. Außerdem gelingt eine „psychische Reproduktion“, also eine Erholung und Wiederherstellung der in anderen Lebensbereichen aufgezehrten Kreativität und Leistungsfähigkeit.
  4. Kompetenz für die Mitgliedsrolle des politischen Bürgers erwerben (Partizipieren): Hier geht es darum, die Fähigkeit zur aktiven Beteiligung an Angelegenheiten der sozialen Gemeinschaft zu erlangen. Wird diese Dimension der Entwicklungsaufgabe erfüllt, verfügt ein Jugendlicher über die Kompetenz, die eigenen Bedürfnisse und Interessen in der Öffentlichkeit zu artikulieren. Durch seine bürgerschaftliche und/oder institutionelle Beteiligung ist er in der Lage, zur Stärkung der Selbststeuerungsfähigkeit der Gesellschaft ebenso wie zu ihrem sozialen Zusammenhalt (Kohäsion) beizutragen.

Dekovic betrachtet die Veränderungen in der Eltern-Kind-Beziehung in der Adoleszenz, die darauf zielen, ein neues und bewusstes Verhältnis zur Welt zu bekommen. Dabei beschreibt er drei Phasen mit unterschiedlichen Entwicklungsaufgaben.

Die Entwicklungsaufgabe in der Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frühe Entstehung von Konzepten, die auf die Bedeutung von Entwicklungsaufgaben hin führen: Schon die „alten Philosophen“ haben sich über die Verschiedenartigkeit einzelner Lebensabschnitte Gedanken gemacht, wobei sie noch nicht das Konzept der „Entwicklungsaufgabe“ dazu prägten. Sie unterteilten jedoch schon entsprechend ihrer jeweiligen Philosophie das menschliche Leben in aufeinanderfolgende, sich unterscheidende Phasen, zum Beispiel:

Solon: Sieben-Jahres-Zyklus
Hippokrates: Kindheit: Frühling / Jugend: Sommer / mittleres Lebensalter: Herbst / Greisenalter: Winter
Platon: Jugend / mittleres Lebensalter / Alter
Aristoteles: Jugend / mittleres Lebensalter / Alter
Cicero: Kindheit: Kraftlosigkeit / Jugend: Ausschweifung / mittleres Lebensalter: Ernst und Beständigkeit / Greisenalter: Weisheit
Ptolemaeus: sieben Lebensalter = sieben Planeten
Shakespeare: sieben Stadien[3]

Bei den frühen Betrachtungsweisen zur menschlichen Entwicklung bestand Albertus Magnus (1200–1280) als erster darauf, die bisher rein philosophischen oder geisteswissenschaftlichen Theorien durch die empirische Forschung zu erweitern (der naturwissenschaftliche Zweig entstand). Er bezeichnete es als empirische Forschung über „Natursachverhalte“.

Johann Amos Comenius (1592–1670) teilte das menschliche Leben bis zum Alter von 24 Jahren in vier Stufen und begründete damit die Notwendigkeit, dass Schulunterricht unterschiedlich und dem jeweiligen Alter angepasst sein müsse.

Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) vertrat eine natürliche Reifung des Menschen, führte negative Einflüsse innerhalb dieses Prozesses auf die äußeren Bedingungen der Zivilisation zurück und entwickelte erste Vorläufer der Stufentheorien/Phasentheorien menschlicher Entwicklung. Beim Stufenmodell handelt es sich um Entwicklungsstufen, die aufeinander aufbauen. Diese Theorie geht davon aus, dass die eine stufenspezifische Entwicklungsaufgabe erst bewältigt sein müsse, bevor die nächste, der Lebensaltersetappe entsprechende, darauf aufbauen könne.

Johannes Nikolaus Tetens (1736–1807) suchte über den Verlauf der gesamten menschlichen Lebensspanne nach allgemeinen Entwicklungsgesetzen und ihren Bedingungen.[4]

Erik H. Erikson konzipierte ein Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung. Er definierte bestimmte Entwicklungen (beispielsweise Herstellung von Urvertrauen versus Urmisstrauen), deren Bewältigung er den verschiedenen Alterszeiträumen zuordnete. So verband Erikson ein Stufenmodell der Entwicklung mit zu bewältigenden Aufgaben, die in einer Entwicklungsphase bestimmend sind. Die wesentliche entwicklungspsychologische Neuerung in seinem Konzept ist der Gedanke der stets mit einem Entwicklungsschritt verbundenen Krise, was die Möglichkeit einer negativen Lösung einschließt. Er schuf damit die Grundlage für die Psychologie der Entwicklungsaufgabe und überwand das reine Phasenmodell der Entwicklung, wie es sich z. B. noch bei Sigmund Freud findet.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • R. Oerter, L. Montada (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. 6., vollst. überarb. Auflage. Beltz PVU, Weinheim 2008, ISBN 978-3-621-27607-8.
  • H. Fend: Entwicklungspsychologie des Jugendalters. 3. Auflage. Leske + Budrich, Opladen 2003, ISBN 3-8100-3904-7.
  • Klaus Hurrelmann, Ullrich Bauer: Einführung in die Sozialisationstheorie. 11. Auflage. Beltz, Weinheim 2015, ISBN 978-3-407-25740-6.
  • Klaus Hurrelmann, Gudrun Quenzel: Lebensphase Jugend. 13. Auflage. Beltz Juventa, Weinheim 2016, ISBN 978-3-7799-2619-1.
  • R. Siegler, J. DeLoache: Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. 1. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2005, ISBN 3-8274-1490-3

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Psychologische Entwicklung. Entwicklungsaufgabe Jugend". Fern-UNI der Gesamthochschule Hagen
  2. ↑Oerter & Montada, 2002
  3. Psychologische Entwicklung. Entwicklungsmodelle. Fern-UNI der Gesamthochschule Hagen
  4. Psychologische Entwicklung. Entwicklung. Fern-UNI der Gesamthochschule Hagen

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